Was ist mit uns Alten los? Sind wir zufrieden oder an was fehlt’s?
19 August, 2011 at 6:57 pm Hinterlasse einen Kommentar
An was fehlt’s?
Im DRS – Club – Gespräch vom 3. August versuchten die Teilnehmer, jede und jeder auf ihre Weise, uns Alten weiszumachen, wie man sich verhalten müsse, um bei seiner beruflichen Pensionierung nicht allzu tief in das von geschäftstüchtigen Psychiatern hochgespielte, schwarze Loch zu fallen. Dieses vollständig frei erfundene Loch des Nichtstuns, des Nichtwissens zu was man noch da sei und wie man sich damit abzufinden habe, um möglichst zufrieden das Ende abzuwarten.
Im Alter- eine unbegrenzt verfügbare Zeit
Die verschiedenen Voten zeigten, dass je grösser das Glück war, wenig oder relativ gut kontrollierbare gesundheitlich und andere Probleme zu haben, man desto mehr Mühe habe, mit der auf einmal relativ unbegrenzt verfügbaren Zeit fertig zu werden. Und das, obwohl es genügt, in irgendeinem Alters – Magazin oder einem der sonst so zahllosen Familien Heftlein und Illustrierten nach den Aktivitäten oder Verhaltensweisen durchzustöbern, die zu einem passen würden. Interessante und zur Mehrzahl sehr seriöse, in die tausenden gehende Angebote von Freizeitbeschäftigungen, faszinierende und preislich durchaus akzeptable Angebote, klug konzipierte Programme und Gruppenaktivitäten, ohne von den anderen Offerten zu sprechen, welche die unheimlichsten und schwärzesten, oft tief in uns vergrabenen Bedürfnisse und Wünsche, diese zahllosen, so genannt verpassten oder nicht genügend ausgekosteten Dinge betreffen.
Am Morgen
Diese grosse, graue Leere, die einem bereits am frühen Morgen beim Herauskommen aus einer mühsamen, unruhigen Nacht mit der Frage überfällt, ja was machen wir denn heute mit unserer Zeit, was haben wir auf jeden Fall zu erledigen, gibt es etwas, das wir zu tun haben , und so weiter und so fort… Oder das können wir ja gar nicht mehr tun, dazu brauchen wir Hilfe, für dieses und jenes sind wir auf den Rat, die Hilfe oder die Führung von einem anderen Menschen angewiesen, oder unser Zustand ist so schlimm, dass wir nicht einmal mehr all diese Fragen selber zu beantworten und entsprechend etwas dafür tun können. Ja, wir versinken jeden morgen immer wieder in dieses ominöse schwarze Loch…
Wie kommen wir da, wenn überhaupt, wieder heraus?
Achtung
Auf jeden Fall solange wie möglich vermeiden, dass andere diese Fragen beantworten: Diese stets ruhig, mit einem irgendwie ganz natürlich hervorgezauberten, stets gleich aussehenden Lächeln, eine Stimme in einem ruhigen, deutlichen aber doch recht natürliche Tonfall und eine menschlich offen wirkende Art all dieser Spezialisten modernster Beschäftigungstherapien, die uns durch den leeren Tage, Tage und Monate bringen und wir schliesslich irgendwie wie sie selber werden…
Das passt zu unserer permissiven Überfluss- und Konsum-Gesellschaft (gemäss Zbiginiew Brzezinski), wo für alles gesorgt wird oder wenigstens gesorgt werden sollte. In Wirklichkeit aber der grössere Teil der Menschen immer weniger von dem hat, was er zum Leben braucht, und der andere Teil, der leider immer mehr alles hat und über alles bestimmt sich darum bemüht, uns alle zu den Opfern von Überfluss und Verantwortungslosigkeit zu machen.
Das ist das Stichwort – Verantwortung!
Davon war am 3. August im Club- Gespräch nicht viel zu hören. Überhaupt ist das ein Wort, das man heute nicht mehr oft hört. Das erinnert mich an eine grosses Seminar aller Präfekten, das vor über 50 Jahren in Frankreich zur Frage der Sicherheit für Leib und Gut, abgehalten wurde.
Die Quintessenz dieser sehr interessanten Gespräche war, dass die Menschen, vor allem die jüngeren Generationen verlernt habe, mit ihren Problemen fertig zu werden. Für alles und jedes rennen sie zum Staat: bitten, flehen und fordern immer heftiger Lösungen; mehr Hilfe beim Studium, Sicherheit von Arbeit und Erwerb, Freie Arzt- und Spitalpflege, totale Sicherheit für leib und Leben und Schutz vor den selbst verschuldeten Krankheiten und Miseren durch Alkohol, Sex, Drogen und wer weiss was noch alles andere an täglich neu zutage gebrachten Plagen und Versuchungen unserer permissiven Überflussgesellschaft.
Selbstverantwortung
Wenn auch nicht alle Plagen und Miseren unserer Zeit von den einzelnen Menschen verursacht bzw. bewältigt werden können, so wären sie doch bei einem überwiegenden Teil durch mehr Selbstverantwortung vermeidbar, vor allem mit einer wieder erlernten Disziplin, einer vom frühestens Kindesalter systematisch Tag für Tag geübten geistigen und körperlichen Disziplin: Dinge, die für Geist und Körper nötig sind, die man aber nicht gerne tut, die man sogar hasst, sie trotzdem mit aller Sorgfalt und nach bestem Wissen und Können zu tun, ja dabei sogar ruhig und zufrieden ist… Erst eine solche auf der gut eingeübten Disziplin aufgebauten Selbstverantwortung erlaubt uns, nicht für alles und jedes zum Staat für Hilfe zu rennen.
Da der Staat aus den anderen Mitbürgern besteht, ist so die Selbstverantwortung der Weg zur Mitverantwortung und jede Gemeinschaft von Menschen kann ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn jeder Bürger voll und ganz fähig ist, seinen Teil zu leisten. Zunächst selber mit seinen Problemen fertig zu werden, also die anderen Mitbürger zu entlasten und so viel als möglich die ihm im Alter zur Verfügung stehende Zeit zu Mitverantwortung zu benützen und nicht zum Nichtstun und Missbrauch aller Möglichkeiten unserer permissiven Gesellschaft zu benützen. Die damit verbundenen Exzesse zu vermeiden, so Staat und Gesellschaft viele heute kaum mehr lösbare Probleme und Kosten zu ersparen und selber mehr Selbst- und Mitverantwortung zu erbringen. Zumindest der Gesellschaft oder dem Staat die hohen Kosten zahlloser Beschäftigungstherapien zu ersparen…
Eine Konklusion – auch im Alter aktiv Verantwortung tragen
Gelingt uns allen wenigstens den Anfang auf diesem Weg zur Gesundung unserer permissiven Überfluss- und Konsum-Gesellschaft zu machen , dann dürfte es für uns älteren Semester nicht nur einige schwarze Löcher weniger geben, sondern Staat und Gesellschaft würden mit ihren Problemen leichter fertig werden. Und den derzeit aktiven Verantwortlichen könnten in vielen Fällen ein Rat der Alten einige ihrer oft mangels Erfahrung und Disziplin unterlaufenden Fehler ersparen.
Voraussetzung dazu wäre zunächst einmal von einer fixen zu einer fliessenden Pensionierung überzugehen. Das heisst jeder soll solange und im Ausmass seiner geistigen und körperlichen Kräfte weiter arbeiten und vor allem auch Verantwortung für den Gang der Geschäfte mittragen, solange er dies tun kann. Zu diesem Zwecke sollte durch Gesetz für jede Art von Arbeit , in jedem Beruf und Handwerk ein Rat der Alten, der Altmeister, erfahrener Arbeiter geschaffen werden, die in einer Art Milizsystem mit Kostenentschädigung bei schwierigen Fragen in ihrem Berufsstand beigezogen werden.
Es geht nicht darum, den Alten das Gefühl zu geben, sie würden gebraucht, sondern kontinuierlich unsere Gesellschaftsstruktur so zu verändern, dass auch die Alten wirklich gebraucht werden.
Eintrag abgelegt unter Gesellschaft. Tags: Pensionierung, Senioren, Verantwortung, Zbiginiew Brzezinski.
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