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Einige der Etappen auf dem Weg zum heutigen Erfolg der Schweizerischen Uhren- und Schmuck-Industrie

Am 8. März 2012 öffnet die BASELWORLD ihre Tore. Vor 40 Jahren ist diese Messe aus der sukzessiven Öffnung für Europa und die Welt des Uhrensektors der alten MUBA entstanden. In harter Knochenarbeit wurden die Grundlagen dazu erarbeitet. Zunächst (I) mit der Regelung des Antitrustfalles in den USA, (II) die Liberalisierung des Uhrenstatuts in der Schweiz, eine wirksamere Swiss Made Definition für Uhren und schliesslich (III) die Öffnung des Messeplatzes Basel zu Europa und die Welt. Der nachfolgende Text dient der Erinnerung an alle Beteiligten bei Industrie und Wirtschaft, den Behörden, den Genossenschaftern, vor allem den Baslern und den Muba-Mitarbeitern.

Hintergrundbiografie: 1944-1964 Bundesverwaltung (EDA) / 1949-1955 Leiter Rechtsdienste Generalkonsulat New York und Schweizerische Botschaft Washington D.C. / 1955-1960 Schweizerische Delegation bei der OECE, Paris / 1960-1964 Stellvertretender Delegationschef der Schweiz bei der Efta in Genf und der EWG/EG in Brüssel / 1964-1968 Leiter der Watchmakers of Switzerland Informationcenters in den USA und Kanada, Delegierter zur Regelung des Antitrustfalles / 1968-197I Beauftragter für die Uhrenindustrie und Generalsekretär des EVD / 1971-1988 Generaldirektor der MUBA in Basel

 

I. Probleme auf dem amerikanischen Markt 1954-1965 

1. Das Antitrust Urteil des New Yorker Bundesrichters Cashin hat 1954 zu einer Erhöhung der USA-Uhrenzölle auf Schweizer Uhren (vor allem Steinankeruhren) um 50 % geführt. Bis 1965 gingen die Importe der Steinankeruhren von 10.1 auf 6.9 Millionen Einheiten jährlich zurück. Die schweizerische Uhrenindustrie versuchte diesem Nachteil mit Produktions- vor allem Montage-Niederlassungen innerhalb des USA-Zollgebiets in den Jungfern-Inseln auszuweichen. Viel Umtriebe und Kosten mit gemischtem Erfolg. Dafür eine wirksame den USA zugute kommende Entwicklungshilfe!

Sehr schlimm waren die Verluste bei den Rosskopfuhren, bei denen die Rubinen der Fassungen für die Achsen in Steinankeruhren durch blosse Metallfassungen ersetzt werden und deshalb viel billiger aber auch von geringerer Fiabilität sind. Der Absatz dieser Uhren stieg in den USA von 1953 bis 1965 von 8.7 auf 20.7 Millionen Einheiten, hingegen der schweizerische Anteil stagnierte auf 8.7 Millionen Einheiten.

Die einheimische amerikanische, mit schweizerischem know-how und Bestandteilen aufgebaute Uhrenindustrie holte sich so den Löwenanteil des amerikanischen Uhrenmarkts. Gleichzeitig verschaffte sie sich mit der Übernahme der Erfindung des schweizerischen ETH Ingenieurs Max Hetzel für die neue Epoche machende Quarzuhr Accutron der amerikanischen Uhrenfirma Bulova (Ersatz der Unruh durch die mit einer elektrischen Batterie erregten Schwingungen einer Stimmgabel) einen empfindlichen Vorsprung gegenüber der Schweiz, der nur nach vielen mühsamen Jahren mit den in der Schweiz entwickelten Quarzuhren wettgemacht werden konnte.

Bulova, die bereits einen Fabrikationssitz in Biel hatte, war es dann auch, die aus übertriebener Konkurrenzangst dank ihrem Verwaltungsratspräsidenten, Omar Bradley der ehemalige Generalstabschef von Eisenhower, das Antitrusturteil gegen die stark ineinander kartellisierten schweizerischen Uhren-Organisationen provoziert hatte. Zusammen mit den wichtigeren anderen amerikanischen Uhrenproduzenten klagte sie die SCHWEIZERISCHE UHRENKAMMER, die ASUAG, die UBAH, den Verband schweizerischer Uhrenfirmen (die Fédération Horlogère FH), die EBAUCHES SA, den Rosskopfuhren Verband und noch eine Reihe anderer Verbände an, sie hätten alles, was es für die Produktion und den Vertrieb von Uhren brauche, mit unter sich vereinbarten Schutzmassnahmen, wie Export- und Fabrikationsbewilligungen, derart kontrolliert und reglementiert, dass es für ausländische Uhrenproduzenten ausserordentlich schwierig war, genügend und zu annehmbaren Preisen Bestandteile und Apparate zur Herstellung von Uhren ohne die Zustimmung und gemäss den meist strengen Bedingungen dieser Organisationen zu erhalten.

Für den New Yorker Bundesrichter Cashin war das 1952 nichts anderes als eine durch das amerikanische Kartellrecht verbotene und strafbare Verschwörung gegen den freien Wettbewerb. So wie etwa heute, die Amerikaner verlangen, dass Schweizerbanken für den ihren amerikanische Kunden gewährten gesetzlich vorgesehenen Schutz zur Geheimhaltung ihrer Konten mit harten Bussen bestraft werden sollen. Auch ein Konflikt, bei dem, wie im Antitrust, die USA ihre Rechtsordnung kaltlächelnd auch ausserhalb ihres Territoriums innerhalb der völkerrechtlich anerkannten Staatshoheit anderer Länder zur Anwendung bringen wollen.

2. Die erste Etappe bestand darin, dass es 1964 in NEW York im Auftrag des Schweizerischen Uhrenverbandes FH, im Einvernehmen von dessen Präsidenten Gérard Bauer mit meinem damaligen Chef, Bundesrat Hans Schaffner, gelungen ist, dem immer noch quicklebendigen Bundesrichter Cashin am Morgen eines für ihn sehr trüben Januartags 1965 die Revision seines Urteils abzuringen. Mit grimmiger, an die Kläger der amerikanischen Uhrenindustrie gerichteter Stimme verkündete er  folgendes:

<<If you guys have nothing to say I can do no more for you. The presented revision (Ersatz des Urteils durch eine gütliche Einigung zwischen den Parteien, ein sogenanntes ‚consent degree‘) of the judgement I made 13 years ago is adopted.>>

Die Lösung bestand darin, dass einer der damals stärksten Anwälte in den USA mit dem Hinweis auf die gesetzliche Grundlage der Wettbewerbs behindernden Massnahmen der schweizerischen Uhrenindustrie eine administrative Revision des Urteils aus dem Jahre 1954 erreichte: Diese Massnahmen seien gar nicht auf privatrechtliche Abmachungen abgestützt und nur diese seien dem geltenden amerikanischen Antitrustrecht unterstellt. Um dies festzustellen, sei es nicht nötig an das Oberste Bundesgericht zu gelangen, was Jahre hätte dauern können.

Diese Lösung wurde ermöglicht durch den Aufbau einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Chef des Rechtsdienstes und Mitglied der obersten Leitung der Bulova, der äusserst vernünftigen Haltung der Mehrheit der schweizerischen Uhrenorganisationen, vor allem der glänzenden Überredungskunst des FH-Präsidenten Gérard Bauer und der Hilfe meiner früheren Kollegen im Eidg. Volkswirtschaftsdepartement in weniger als einem Jahr eine für die amerikanischen Uhrenproduzenten akzeptable Lösung für eine liberalere Belieferung mit Ebauches SA und Uhrenbestandteilen auszuarbeiten. So konnten die Voraussetzungen für die Unterhändler des Eidg. Volkswirtschaftdepartements geschaffen werden, etwas mehr als ein Jahr später die Rückführung der Amerikanischen Uhrenzölle (den sogenannten ‚rollback‘) auszuhandeln.

Als Leiter der Informationszentren der Schweizerischen Uhrenindustrie in Kanada und den USA gelang es in den folgenden Jahren im Auftrag und mit der grossen Unterstützung der FH den nordamerikanischen Markt zu stabilisieren und wieder zu einer soliden Basis im Kampf auf den Weltmärkten, insbesondere gegen die japanische Uhrenindustrie und die Wellen von Billiguhren und Fälschungen aus Hongkong auszubauen.

II. Liberalisierung des UHRENSTATUTS und eine neue SWISS MADE Definition

1. Das Uhrenstatut

Die 13 Jahre dauernden Nachteile des amerikanischen Antitrusturteils hatte bei vielen schweizerischen Uhrenproduzenten die Gefahren des in den Krisenjahren 1920 und 1930 zum Schutze vor der zunehmenden ausländischen und vor allem auch intern bestehenden Konkurrenz aufgebauten und stark verkartellisierten Uhrenstatuts  bewusst werden lassen.. Die grossen Manufakturen, die über 2’500 KMU, die meistens als blosse Etablisseure auf die verschiedenen grossen und mächtigen Ebauches SA und andere Bestandteile liefernden Grossbetriebe angewiesen waren, bekämpften sich sehr oft bis aufs Messer und gerieten so in die Abhängigkeit der schweizerischen und leider auch vieler ausländischer Grossisten und Verteiler.

Meistens bestand die Stärke eines durchschnittlichen Uhrenfabrikanten im technisch-künstlerisch- kreativen Bereich, dessen know-how auf Jahrhunderte zurückging, aber nicht im Unternehmerischen-, Finanziellen- und in den modernen Vermarktungs-Methoden.

Besonders Gérard Bauer, Präsident der FH, hatte sich gleich nach seiner Wahl (1960) voll für eine Lockerung des immer rascher sklerosierenden, äusserst komplexen Systems des Uhrenstatuts mit dessen Export- und Fabrikations-Bewilligungen für Uhrenerzeugnisse, für alles was es für die Herstellung von Uhren, wie Maschinen und Apparate brauchte, und der damit verbundenen verbandspolitischen Vernetzung eingesetzt. Bundesrat Schaffner und meine ehemaligen Kollegen in Bern teilten diese Auffassung. Schaffner holte mich deshalb 1968 als Beauftragter für die Uhrenindustrie und Internationale Industriefragen nach Bern zurück, mit dem Auftrag eine Revision des veralteten Uhrenstatut auszuarbeiten.

2. Die 1971er Swiss Made Definition

Die Vorbereitung der zweiten Etappe auf dem Weg zum heutigen Erfolg der schweizerischen Uhrenindustrie bestand im wesentlichen darin, dass die weitgehenden Kompetenzen der Uhrenkammer, aber auch der anderen Organisationen beschnitten und durch eine wirksamere Swiss Made Definition zum Schutze schweizerischer Uhrwerke ersetzt wurde. Diese Definition bestand in Ergänzung des schweizerischen Markenschutzrechts durch einen Bundesbeschluss über die offizielle Qualitätskontrolle in der Schweiz vom 18. März 1971.

Gleichzeitig wurde mit einem Bundesgesetz zur Ergänzung des Bundesgesetzes vom 26.September 1890 betreffend den Schutz der Fabrik- und Handelsmarken, der Herkunftsbezeichnung von Waren und der gewerblichen Auszeichnung in einem neuen Artikel 18 vorgesehen, dass der Bundesrat die Voraussetzungen näher umschreiben kann, die ein Erzeugnis entsprechend seiner Eigenart erfüllen muss, damit eine schweizerische Herkunftsbezeichnung benützt werden kann. Diese Voraussetzungen können, neben anderen wesentlichen Merkmalen schweizerischer Herkunft, auch andere Eigenschaften, insbesondere die Qualität betreffen, die im Verkehr von den mit einer schweizerischen Herkunftsbezeichnung versehenen Erzeugnissen erwartet werden dürfen.

Das war damals sowohl national als auch international im Ursprungsrecht ein Novum.

Dank einer weitblickenden Pionierarbeit gelang es einem fantastischen Professorenteam erfahrener Spezialisten wie  Prof. M. Kummer und Prof. F. Gygi von der Universität Bern,  dem Verfassungsrechtler J. F. Aubert von der Universität Neuenburg, Prof. H. König und Dr. A. Perlstain vom  Eidg. Amt für Mass und Gewicht sowie Prof. J. Voyame  später Direktor  des Bundesamtes  für Justiz eine mit der Verfassung und den Grundsätzen der Handels- und Gewerbefreiheit nicht im Widerspruch stehende Lösung zu finden, um mit den üblichen Ursprungs (geographischen Herkunfts) Kriterien auch noch ein Mindest-Qualitätsmerkmal zu verbinden. Also nicht nur die Produktion, das Zusammensetzen eines Uhrwerks und dessen Ingangsetzung und Regulierung in der Schweiz, und mindestens einen Anteil von 50% aller Bestandteile schweizerischer Fabrikation, sondern auch noch das Bestehen einer obligatorischen technischen Kontrolle zur Sicherstellung einer gesetzlich vorgeschriebenen Qualität (eben derjenigen, die von einem als Swiss Made bezeichneten Produkt erwartet werden darf) zu verlangen. Kriterien und Durchführung dieser Kontrolle durch eine unabhängige Stelle wurden in einer besonderen Verordnung vom 18. März 1971 geregelt. Seither ist diese Swiss Made Bezeichnung für Uhrwerke wiederholt verlängert, verschärft und im Ausland vielerorts kopiert oder zum Gegenstand multilateraler Zoll- oder Freihandelsabkommen gemacht worden.

3. Vorteile

Die neue Regel hat die Bekämpfung von Fälschungen und Ramschware wesentlich erleichtert und das Vertrauen in die schweizerischen Uhrenerzeugnisse mächtig gefördert.

Noch viel positiver wirkte sich die Liberalisierung  des Uhrenstatuts und der damit verbundenen Kartellisierung  für die schweizerischen Uhrenexporte und das Prestige der Uhrenindustrie aus. Vor allem hat sie die damit verbundene Freiheit und den Aufbau eines modernen, aufstrebenden und nicht nur durch familiäre Verkapselungen und superaktiven Verbänden getragenen Unternehmertums ermöglicht.

Wenn auch diese Freiheit zunächst von superaktiven Unternehmer und Gruppierungen zum Aufbau neuer Grossunternehmen und kartellartigen Zusammenschlüssen (Holdings) führte, die viele das Verschwinden einer Uhrenkammer, einer Asuag oder anderer Institutionen bedauern lässt, so zeichnet sich doch immer mehr das Aufkommen einer ganzen Reihe kleiner, ja sogar ganz kleiner Uhren-Unternehmer ab, die sich im wirtschaftlichen und im Vertrieb genau so gut zurechtfinden, wie sie es im technisch/künstlerisch und kreativen Bereich sind.

Natürlich hat eine Swatch ihren Erfolg weitgehend der Aufwertung des Swiss Made zu verdanken. Zwar betrachtete anfänglich Nicolas Hayek die damit verbundenen administrativen Umtriebe im Vergleich zu einer aktiven Markenpolitik als unnötig. Sehr bald aber war gerade er es, der sich für eine Verschärfung einzelner Kriterien einsetzte. Zum Beispiel 2007 die Erhöhung des schweizerischen Anteils eines mechanischen Uhrwerks von 50% auf 80% und bei einer elektronischen Uhr von 50 % auf 60 %.

Auf jeden Fall wäre es Nicolas Hayek auch im institutionellen Bereich wohl kaum gelungen, vor dem Abbruch des alten Uhrenstatuts und die damit verbundene Verbands-Vernetzung die ASUAG (eine vom Bund mitfinanzierte Hilfsorganisation für die durch die Krise der 30er Jahre in Schwierigkeiten geratenen Uhrenfirmen) zur Basis seines neuen Imperiums zu machen. Wenn es da auch vieles gäbe, dass wohl nicht nur in den USA oder in der EU, sogar in der Schweiz, zu neuen Antitrustproblemen führen könnte, so waren doch Hayek und seine Nachfolger bisher vorsichtig genug, um rechtzeitig den Weg der Zusammenarbeit und gütlichen Einigung zu finden. Vor allem die kreativen KMU nicht allzu brutal aufzusaugen, sondern sie eher finanziell zu stützen, weil ohne sie die schweizerische Uhrenindustrie sehr bald ins Ausland abwandern oder von den grossen Wirtschaftblöcken Asiens, Lateinamerikas, Russlands, die früheren Comecom Staaten und neuerdings die heranwachsende afrikanischen Mittelmeerländer aufgesaugt würde!

Jedenfalls kann Nicolas Hayek nicht bestritten werden, dass er sehr viel zum Aufkommen eines neuen Unternehmertums in unserer Uhrenindustrie beigetragen hat. Das zusammen mit unserem know-how, der Kreativität und dem Durchhaltewillen hat uns ja bereits erlaubt, auch in der Uhrenindustrie den Weg der Atomenergie erfolgreich zu beschreiten. Bereits 1964 konnte ich an der Weltausstellung in Montreal als Verantwortlicher für die offizielle Zeitangabe auf dem Messegelände die erste in der Schweiz hergestellte Atomuhr als sogenannte Mutteruhr vorstellen. Damals war dies ein mächtiger Prestigegewinn und eine Superreklame für die schweizerische Uhrenindustrie, von der sie auch heute noch profitiert.

III. Öffnung der Basler Messen für Europa und die Welt

1. Bedeutung der Messen für die Vermarktung von Uhren und Schmuck

Der Uhrensektor an der früheren, nach meinem Rücktritt 1988 durch eine Aktiengesellschaft abgelösten grössten nationalen Messe der Schweiz, die öffentlich-rechtliche Genossenschaft Schweizerische Mustermesse MUBA, hatte nach dem zweiten Weltkrieg einen grossen Erfolg erzielt. Er war an der grossen Frühjahrsmesse (ebenfalls  MUBA genannt), neben zahlreichen übers Jahr verteilten Spezial- oder Fachmessen, zu einer der wichtigsten Prestige Präsentation der schweizerischen Wirtschaft geworden.

Von den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts an kränkelte die Beteiligung der einzelnen Unternehmen an diesem Sektor der Schweizerischen Uhrenindustrie wegen den Vorfällen auf dem amerikanischen, damals wichtigsten Absatzmarkt für Schweizeruhren. Die grossen, nach dem Abbruch des alten Uhrenstatuts (1968) recht mächtig gewordenen Gruppierungen, wie zum Beispiel die Swatch oder der Rosskopf und Billiguhren Riese Baumgartner Frères, oder traditionelle Manufakturen wie das Omega-Imperium, Pathek Philippe SA, Rolex, Vacheron-Constantin, Ebel, Eterna, Piaget und viele andere der auch heute noch bestehenden Luxus-Marken legten schon damals das Hauptgewicht ihrer Vermarktungs-Bemühungen auf eine eigene, individuelle und direkte weltweite Markenpräsenz zusammen mit einer anfänglich eher herablassenden Akzeptanz der1971 gesetzlich aufgewerteten Swiss Made Bezeichnung.

Die Mehrzahl der immer noch über 2’000 KMU repräsentierenden schweizerischen Uhrenproduzenten konnten sich in den wenigsten Fällen ein breit angelegtes Vertreternetz leisten und waren auf Messebeteiligungen vor allem in Europa angewiesen. An der Muba profitierten sie von der Präsenz der Grossen und die meisten von ihnen konnten gut über 60% und viele bis zu 80/90 % ihrer jährlichen Produktion in Basel bei den vor allem aus Europa und den USA/Kanada herbei strömenden Einkäufern (Grossisten und sogar Detaillisten) absetzen.

Die noch vorhandenen Verbände und Gruppierung, vor allem die Fédération Horlogère, bauten deshalb ihre Werbeanstrengungen zu einer weltweit durchgeführten Präsenz aus. Ein teuerer Spass, der übrigens von den Grossen der Uhrenindustrie als für ihre Interessen kontraproduktiv betrachtet wurde. FH Präsident Gérard Bauer suchte deshalb nach einer grundlegend neuen Lösung. Zusammen mit meinen ehemaligen Kollegen in Bern und Bundesrat Ernst Brugger (Nachfolger von Schaffner) wurde mir diese Aufgabe als der vom Kanton Baselstadt berufene neue Mubadirektor übertragen.

2. Die Öffnung der Muba für ausländische Produkte und Aussteller

Diese Öffnung war wohl eine der schwierigsten Aufgaben, die meinen Vorgängern wiederholt missglückt ist. Eine neue Gelegenheit dazu ergab sich aus den 1970 angelaufenen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Gemeinschaft EWG/EG für ein umfassendes Freihandelsabkommen. Im Zuge dieser Verhandlungen beklagten sich vor allem die Deutschen und Franzosen, ihre Uhrenindustrien in den Nachbarregionen zur Schweiz würden durch eine strikte Nichtzulassung zur Muba diskriminiert.

Bei der Muba brachte uns das auf die Idee, den Uhrensektor durch die später verselbständigte Europäische Uhren- und Schmuckmesse EUSM zu ersetzen. Dazu waren aber zunächst die Statuten der 1921 gegründeten Muba abzuändern. Nach langen und schwierigen Verhandlungen in der Schweiz mit den Kantonen und verschiedenen Wirtschaftsorganisationen, die alle, angeführt vom Vorort des Schweizerischen Handels- und Industrie- Vereins aber auch den Grossen der Uhrenindustrie, Genossenschafter der Muba waren und die zum grössten Teil zunächst sehr negativ auf eine solche Öffnung reagierten, gelang es schliesslich in Art.1 und 2 der Mubastatuten die Zulassung ausländischer Erzeugnisse und Dienstleistungen, sowie ausländischer Aussteller (Produzenten) vorzusehen sofern sich dies im Hinblick auf die Intensivierung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Interesse des Landes und seiner Wirtschaft als notwendig erweist.

Gestützt darauf war es möglich die Zulassung von EWG/EG Uhrenerzeugnissen und Schmuckwaren (von den ébauches – Basis-Platten, auf denen alle Bestandteile eines Uhrwerks aufgebaut werden ähnlich wie das Chassis eines Autos – Ziffernblätter, Uhrengehäuse und alle anderen Bestandteile bis zu Uhrwerken, fertigen Klein- und Gross-Uhren, sowie echten und Qualitäts-Modeschmuck) deren Hersteller und Grossisten zu gewähren. Dazu gab es in der Statutenänderung allerdings einen Nachsatz, der uns später bei der Öffnung der EUSM für die Welt viel zu schaffen machte, nämlich die Zulassung nur zu gestatten unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse einzelner Branchen. Dabei sind der Kreis der zugelassenen Produkte und Dienstleistungen abzugrenzen und die Länder, aus denen Aussteller zugelassen werden, zu bezeichnen. Die betroffenen Branchen sind zu konsultieren und gestützt auf das Ergebnis dieser Konsultationen entscheidet der Verwaltungsrat der Genossenschaft Mustermesse mit Zweidrittelmehrheit.

Die EUSM war von Anfang an ein Erfolg. Schon im Vorfeld der ersten Beteiligung der einzelnen EWG/EG Aussteller erhöhte sich 1972 im Vergleich zu 1971 die schweizerische Beteiligung um 30% auf 20’000 qm Brutto-Beziehungsweise 10’000 qm reine Netto Ausstellungsfläche um von 1973 mit der Zulassung der Aussteller aus den EWG und Efta Ländern von einer Bruttofläche von 44’000 qm und 712 Ausstellern 1983 auf 1’377 Aussteller und einer Bruttofläche von 90’000 qm anzuschwellen. Da dies mehr als die Hälfte der bei der Muba verfügbaren Ausstellungsfläche ausmachte, veranlasste uns dies, die EUSM aus der Muba-Frühjahrsmesse herauszunehmen und separat durchzuführen. Gleichzeitig ab 1984 die Messe für Drittstaaten und sukzessive für die ganze Welt zu öffnen, um bereits 1988 einen ersten Höchststand von 2’100 Aussteller mit über 100’000 qm Brutto beziehungsweise gut 60’000 qm reine Nettostandfläche zu erreichen.

3. Vorteile

Die Vorteile der zukunftsträchtigen, allerdings ganz im Trend der europäischen wirtschaftlichen Liberalisierungswelle liegenden Statutenänderung der Muba waren vielfältig:

Das Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage, eine der grundlegenden Zweckbestimmungen jeder Messe, wird dadurch erleichtert, dass das Angebot nicht mehr zu den einzelnen Abnehmern auf der Welt zu bringen ist, sondern an bestimmten attraktiven und leicht zugänglichen Plätzen (wie beim alten Markt) präsentiert werden kann. Wichtig ist dabei, dass mindestens über 50-60 % des weltweit massgebenden Angebots eines Produkts oder einer Branche präsentiert wird. Den durch die separate Führung des Uhrensektors frei werdenden Platz an der alten Muba benützten wir, den grossen Handelspartnerländern die Teilnahme an der Muba Messen vor allem aus den kommunistischen (Comecom) Staaten anzubieten, damit diese lernen, wie sie sich den Märkten freiwirtschaftlicher Länder mit Erfolg präsentieren können. Angefangen mit China, der Sowjetunion, den Comecom-Staaten und einer Reihe anderer Drittstaaten (wie z. B. die Mongolei, Albanien, Qatar, etc.) steigerten wir diese Zahl bis zu jährlich 22-26, oft sehr gross angelegter und interessanter Präsentationen.

Von der Öffnung der Messen in Basel profitierten alle unsere Fachmessen, besonders Veranstaltungen wie die Art, die Didacta, eine Reihe von Fachgebieten, bei denen das Warenangebot durch besondere Fachtagungen und Kongressen näher zu erklären war, wie in der Medizin, Pharmazeutika, Energie usw.

Bei Uhren und Schmuck wurde besonders Wert gelegt auf eine dem Luxus und den Spezialitäten dienende Präsentation mit den dazugehörenden Veranstaltungen. All das erleichtert durch das 1984 eröffnete Kongresszentrum mit Hotel, seither durch weitere grandiose Bauten vergrössert mit der gegenwärtig kurz vor ihrer Vollendung stehenden Krönung zusätzlicher, der Uhren- und Schmuckmesse besonders angepassten Luxus-Ausstellungsfläche. Vielleicht sollten dabei die heute, wiederum sehr interessante und weit in die Zukunft blickende Schöpfungen junger KMU nicht allzu sehr von den grossen Luxus-Unternehmer an die Wand gedrückt werden. Vor allem sie nicht aufzusaugen, weil die KMU nur als unabhängige Unternehmen kreativ bleiben können!

Die Schlussfolgerungen für die Zukunft des Messewesens in Basel können somit im heutigen Zeitpunkt durchaus positiv ausfallen, wenn nicht die dunklen Wolken der weltweiten finanziellen und wirtschaftlichen Krisen wären. Diese könnten sich über Nacht auch auf die inzwischen eingegangenen immensen finanziellen Auslagen für einen dem heutigen Trend entsprechenden Luxusausbau des Messegeländes Basel nachteilig auswirken. Als Trost kann an die Erfahrung aller Messemacher erinnert werden, wonach Messen mehr in schlechten als in guten wirtschaftlichen Zeiten gebraucht werden und dass im Messewesen durch eine kontinuierlich verbesserte Dienstleistung mehr erreicht wird als durch zu laute und veramerikanisierte Vermarktung.

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16 Februar, 2012 at 10:20 pm 1 Kommentar


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